Über die psychischen Folgen von Wettbewerb und Leistung

Schon in den 1980igern wurde der Begriff der „Leistungsgesellschaft“ entwickelt und „Wettbewerb“ gilt als das ökonomische Grundprinzip für eine prosperierende Wirtschaft und damit Gesellschaft.

Wettbewerb führt zu einer Kosteneffizienz und zu einer optimalen Allokation der Ressourcen und perfekten Märkten bei perfekten Informationsstand aller Beteiligten.

(Pop)-Medien zelebrieren die Konzepte „Wettbewerb“ und „Leistung“ besonders in stundenlangen Sportübertragungen, zuletzt bestens zu beobachten bei den „2026 Winter Olympics Milano Cortina“.

In den Top-Management Beratungshäusern gibt es das so genannte „up or out Prinzip“: Entweder jemand schafft es, die nächste Karriere Stufe in einer gewissen Zeit zu erreichen oder sie/er wird gekündigt. Es ist der Inbegriff von Leistung.

Gegenseitiger Wettbewerb wird ganz bewusst und gezielt in solchen Systemen erzeugt, als eine Form von „Führung“ und als vermeintlich bester Weg zur „High Performance Organisation“.

Unternehmen kämpfen um die Gunst ihre Kund:innen und leisten somit die best mögliche Leistung und produzieren Produkte und/oder Services kosteneffizient. Der Wettbewerb spornt dazu an, weil das Überleben des Unternehmens davon abhängt, die best möglichen Produkte und/oder Services zu produzieren und somit Umsatz und Gewinn und somit langfristiges Überleben zu sichern.

Michael E. Porter hat in seinem Buch „The Competitive Advantage of Nations“ (1990) dieses Konzept auch auf Nationalstaaten übertragen.

Michael J. Sandel entlarvt in seinem Buch „The Tyranny of Merit“ (2020) die verschiedenen subtilen Mechanismen von „Leistung“ und „Wettbewerb“. Ich selber habe in meiner Arbeit „Zur Wertigkeit von ‚gut‘ und ’schlecht’“ (2002) darauf hingewiesen, dass im sozialen Kontext besser von „Transformation“ denn von „Leistung“ zu denken und sprechen ist, Leistung eine Utopie ist.

„Wettbewerb“ und „Leistung“ im Sinne von „performance, competition, success“ gelten durch die Wirtschaftsglobalisierung in den meisten Gesellschaften dieser Welt heute als edle Tugenden. Erfolgreiche Unternehmer:innen, erfolgreiche Sportler:innen, erfolgreiche Pop-Künstler:innen et al. sind Held:innen unserer Gesellschaft, auf die „man stolz sein kann“.

Die Globalisierung von Handel und Wirtschaft hat zu einer signifikanten Verschärfung des Wettbewerbs geführt, da es Unternehmen einfacher gemacht wird, dort zu produzieren, wo möglichst geringe Steuern und Abgaben und möglichst geringe Lohn- und Produktionskosten vorhanden sind. Die Optimierung der Kosteneffizienz als eines der obersten Prinzipien zum Erfolg im Wettbewerb wird weiter und weiter getrieben. Begonnen hat es mit der Verlagerung von Produktionsstätten in so genannte „Billiglohnländer“, aktuell geht es um die Maximierung der Kosteneffizienz durch den Einsatz von „Künstlicher Intelligenz“ (KI).

All das ist für jemanden, der die Grundprinzipien von „liberalen Märkten“, „Wettbewerb“ und „Profitmaximierung“ verstanden hat, keine Überraschung. Es ist Implizit in der Systemarchitektur so vorgesehen und das Prinzip des „survival of the fittest“ soll zu einer Nutzen- oder Wohlfahrtsmaximierung für alle führen.

Nunmehr führen wir dieses Experiment mit der so genannten „Leistungsgesellschaft“ seit mehr als 40 Jahren mit verschärfter Intensität durch und es stellt sich die Frage, was sind die Auswirkungen auf die Menschen davon?

Geopolitisch ist zu erkennen, dass die kriegerischen Auseinandersetzungen zunehmen, die Demokratien unter Druck stehen und ein Tendenz zu eher linear-autoritären Führungs- und Entscheidungsstrukturen in den Gesellschaften zu erkennen ist.

Wettbewerb ist das Gegenteil von Kollaboration und Solidarität und bedingt Rivalität. Die Ökonomie hat mit dem Konzept „beschränkter Ressourcen“ die Vorlage für Rivalität im Wettbewerb um Ressourcen geliefert. Insofern ist gesteigertes Denken in Wettbewerb selbstverständlich auch der Nährboden für gesteigerte Rivalität und letztlich gesteigerte gewalttätige Auseinandersetzungen und am Ende Krieg.

Da hilft das im Kontext von Wettbewerb erfundene Konzept der „fairness“ dann auch nichts mehr. Denn die/der StärkerEr macht die Regeln und generell gilt das „Recht des Stärkeren“. Ein Rückfall in anarchische Strukturen ist dabei kaum überraschend und wird begleitet von einer noch nie dagewesenen Konzentration von Vermögen auf wenige.

Auf individueller Ebenen sehen wir heute eine Epidemie von „pathologischen Narzissmus“, „burn-out“ und „Depression“. Laut der „Weltsgesundheitsorganisation“ (WHO) weisen heute über eine Milliarde Menschen klare Symptome psychischer Krankheiten auf und es ist davon auszugehen, dass dies nur die Spitze des Eisberges ist und die „Dunkelziffer“ deutlich höher liegt. Negativer Stress durch Wettbewerb und Leistungsdruck ist unbestritten krankmachend und die heute häufigste Ursache für so genannte „non-communicable disease“ (NDCs) – in erster Linie Herz-Kreislauf Erkrankungen.

Es gibt verschiedene „Strategien“, um mit „Wettbewerb“ und dem damit verbundenen Leistungsdruck umzugehen. Eine davon ist, zum Egoisten zu mutieren und einzig nur noch opportunistisch zu agieren, also seinen Eigennutzen zu maximieren, Ellbogen raus und hinter mir die Sintflut. Hauptsache mir geht es gut. Das umschreibt das Verhalten von „pathologischen Narzisten“ oder früher hätten wir dazu ganz einfach „Arschloch“ gesagt.

Im Wettbewerb geht es darum, sich durchzusetzen, um Überleben zu können. Potentiell jedEr wird zum „Feind“ und nur wer sich besonders hervortut, wird zum „Freund“. Ein Leben unter ständiger Paranoia und Angst ist freilich die Folge. Jede Form von Solidarität widerspricht dem Selbstverständnis und gilt als Schwäche. Dass unter diesen Bedingungen auch kaum stabile und tief gehende soziale Beziehungen (Ehen, Freundschaften, etc.) entstehen können, ist ebenso wenig überraschend.

Wer seine Gefühle nicht gut genug weg drücken kann, um den Leistungsdruck stand zu halten und nicht „tough“ genug ist, laufend seine persönlichen Interessen im Blick hat, die/der droht früher oder später ins „burn-out“ zu stürzen. Dabei sind es die Gefühle, die uns gesund, zufrieden und letztlich glücklich machen. Es ist keine Überraschung, dass die Menschen unter dem Leistungsdruck zu gefühllosen, pragmatischen Maschinen verkümmern, um der Kosteneffizienz gerecht zu werden und zu performen. Das Leben wird zum Kampf, statt zum Genuss oder zur Freude.

Diese Mutation zur „kämpfenden Maschine“ der Menschen führt letztlich dann zur Massendepression. Wettbewerb und Leistungsdruck werden zu einer gesellschaftlichen Epidemie, bei denen nur sehr wenige glücklich und zufrieden werden und die überwiegende Mehrzahl der Menschen im Wettbewerb geknechtet und dann krank werden.

Dabei ist die Leistungsgesellschaft heute über das Konzept der „Kommerzialisierung“ in eine sich selbstverstärkende Dynamik eingetreten. Gier, Eitelkeit, Neid, Eifersucht und Gruppendenken (die so genannten „mimetischen Kräfte“) werden durch die Kommerzialisierung – selbst im intimen Bereich von Liebe, Partnerschaft und Sexualität – in vollkommen neue Dimensionen gebracht (Stichwort: „Soziale Medien“, „Dating Apps“ und „Pornographie“). Materieller und beruflicher Status sind dabei wesentlich, um im „Wettbewerb der Eitelkeiten“ Schritt halten zu können.

Unsere psychische Gesundheit bleibt dabei auf der Strecke und unsere sozialen Strukturen gehen zu Bruch. Rivalität und Gewalt entstehen und werden über Wettbewerb und Leistungsdruck erklär- und argumentierbar, als eine Art „Selbstverteidigung“.

Es ist an der Zeit, die krank machenden, linearen Konzepte „Wettbewerb“, „Leistung“, „Kosteneffizienz“ und „beschränke Ressourcen“ zu überwinden.


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